Die Ameisen und der Grashüpfer
Den ganzen Sommer tragen die Ameisen Körner, der Grashüpfer spielt nur Geige. Dann kommt der Winter, und der hungrige Grashüpfer klopft am Ameisenhaufen an.
- Ein bisschen traurig
- Ein bisschen gefährlich
Auf einer warmen Wiese lebten einmal Ameisen – klein, rotbraun und fleißig. Und gleich daneben, im hohen Gras, wohnte ein grüner Grashüpfer.
Es war Sommer. Die Sonne wärmte, die Gänseblümchen blühten, und die Ameisen liefen auf dem Pfad hin und her. Jede trug ein Körnchen, manche sogar eins, das größer war als sie selbst!
„Körnchen hier und Körnchen da – bald ist die Kammer voll, hurra!“, sagten die Ameisen immer wieder.
Der Grashüpfer aber saß auf einem Grashalm und spielte auf seiner kleinen Geige:
„Didel-dum! Didel-dum!“
„Grashüpfer, komm zu uns!“, rief die kleinste Ameise. „Hilf uns, die Körner zu tragen.“
„Ach, keine Lust“, lachte der Grashüpfer. „Schau mal, wie blau der Himmel ist! Wozu brauche ich Körner? Ich singe lieber.“
„Und was isst du im Winter?“
„Der Winter ist noch weit, weit weg!“, winkte der Grashüpfer ab. Und schon wieder: didel-dum!
Dann kam die große Hitze. Die Ameisen schleppten Körner, bis ihre kleinen Rücken glänzten. Der Grashüpfer aber lag im Schatten unter einem Klettenblatt.
„Ruht euch doch mal aus!“, rief er. „Hört euch lieber mein neues Lied an!“
„Keine Zeit, Grashüpfer“, schnaufte die kleinste Ameise und lief weiter. „Körnchen hier und Körnchen da – bald ist die Kammer voll, hurra!“
Ein Tag verging, eine Woche verging, der ganze Sommer verging. Die Ameisen trugen, und der Grashüpfer sang. Die Ameisen trugen, und der Grashüpfer sang.
Die Blätter wurden gelb. Ein kalter Wind blies – sch-sch-sch! Und dann – puff, puff – fiel der Schnee.
Im Ameisenhaufen war es warm. Die Vorratskammern waren voll. An einem klaren Tag trugen die Ameisen ein wenig Korn hinaus in die Sonne, um es zu trocknen.
Da kam – knirsch, knirsch durch den Schnee – der Grashüpfer angehumpelt. Seine Flügel zitterten, seine Fühler hingen herab, sein Bauch knurrte. Er wollte spielen, um sich aufzuwärmen, aber seine Beinchen waren so steif gefroren, dass die Geige nur quietschte: „Quie-e-etsch.“
„Liebe Ameisen“, flüsterte er. „Gebt mir doch nur ein einziges Körnchen. Ich habe so großen Hunger!“
Die Ameisen legten ihr Korn beiseite und sahen ihn an.
„Und was hast du im Sommer gemacht?“, fragte die älteste Ameise.
„Ich? Gesungen! Den lieben langen Sommer habe ich gesungen. Ich hatte keine Zeit, Körner zu tragen.“
Die älteste Ameise schüttelte den Kopf.
„Im Sommer haben wir getragen, und du hast gesungen. Unser Korn ist für unsere Kinder, und es reicht gerade so bis zum Frühling. Wer den ganzen Sommer nur singt, steht im Winter mit leeren Händen da.“
Die kleinste Ameise dachte daran, wie sie den Grashüpfer auf den Pfad gerufen hatte, als die Gänseblümchen noch blühten. Sie seufzte, sagte aber nichts.
Der Grashüpfer blieb noch eine Weile stehen, trat von einem Bein aufs andere und ging dann davon über den weißen Schnee. Die Geige trug er unter dem Arm, und diesmal blieb sie still.





