Das Strohöchslein
Der Alte flocht für die Alte ein Öchslein aus Stroh und strich es mit Pech ein, und am klebrigen Bauch blieben nacheinander Bär, Wolf, Fuchs und Hase hängen.
- Ein ruhiges Märchen
Es waren einmal ein Alter und eine Alte. Der Alte kochte Pech, die Alte spann Flachs, und sie waren so arm, dass sie alles, was sie verdienten, sofort aufaßen.
Eines Tages sagte die Alte:
„Alter, mach mir ein Öchslein aus Stroh. Und streich ihm die Seite mit Pech ein.“
„Wozu brauchst du so ein Öchslein?“, wunderte sich der Alte. „Es kann ja nicht einmal muhen. Und wenn die Sonne brennt, läuft das Pech einfach ab.“
„Du wirst schon sehen“, lächelte die Alte.
Der Alte kratzte sich am Hinterkopf und machte es. Er flocht aus Stroh Beinchen, Hörnchen und ein Schwänzchen und strich die Seite dick mit schwarzem Pech ein. Die Seite glänzte, klebrig, ganz klebrig.
Am Morgen trieb die Alte das Öchslein auf die Weide. Sie setzte sich unter einen Hügel, spann und sang dabei:
„Grase, Öchslein, auf dem Gras, und ich sitze in der Sonne.“
Die Sonne wärmte, das Pech wurde weich, der Flachs drehte sich. Da nickte die Alte ein.
Und auf einmal, stapf-stapf, trottete ein Bär aus dem Wald. Seine Seite war zerkratzt, sein Fell zottig.
„Wer bist du?“, fragte er.
„Ich bin das Strohöchslein, aus Stroh geflochten, mit Pech bestrichen.“
„Gib mir ein bisschen Pech, um meine Seite zu flicken!“
Das Öchslein schwieg. Der Bär griff, schnapp, nach dem Pech und klebte fest. Er zog an der Pfote, aber es ging weder hin noch her.
Die Alte wachte auf, und das Öchslein trottete schon nach Hause und zog den Bären hinter sich her.
„Alter, Alter! Das Öchslein hat einen Bären gebracht!“
Der Alte schob den Bären, husch, in den Keller.
Am zweiten Tag kam ein grauer Wolf.
„Wer bist du?“
„Ich bin das Strohöchslein, aus Stroh geflochten, mit Pech bestrichen.“
„Gib mir ein bisschen Pech, um meine Seite zu flicken!“
Schnapp, und er klebte fest. Und auch der Wolf landete im Keller.
Am dritten Tag kam ein Fuchs gelaufen. Schnapp, und er klebte fest. Und dann kam der Hase, hoppel-di-hopp. Hops, und auch er klebte fest.
Der Alte setzte sich vor den Keller, zog die Brauen zusammen und rief:
„Aha, erwischt, ihr Schlingel! Na wartet!“ Und er drohte mit dem Finger.
„Opa, lass mich frei!“, brummte der Bär. „Ich bringe dir Honig.“
„Und du betrügst mich nicht?“
„Nein!“
„Na, dass du mir ja Wort hältst!“ Und er ließ ihn laufen.
„Opa, lass mich frei!“, heulte der Wolf. „Ich treibe dir Schafe herbei.“
„Na, dass du mir ja Wort hältst!“
„Opa, lass mich frei!“, winselte der Fuchs. „Ich bringe dir Hühner und Gänse.“
„Na, dass du mir ja Wort hältst!“
„Opa, lass mich frei!“, piepste der Hase. „Ich besorge der Oma Bänder, Ohrringe und eine Perlenkette.“
„Na, dass du mir ja Wort hältst, Langohr!“
Es war noch nicht einmal hell, da klopfte es an der Tür, klopf-klopf. Der Alte ging hinaus, und im Hof stand ein Fass Honig, eine Herde Schafe blökte, die Hühner gackerten, die Gänse schnatterten. Und auf der Schwelle lagen Bänder, Ohrringe und eine rote Perlenkette.
„Das ist mir ein Öchslein!“, rief die Alte und klatschte in die Hände.
Der Alte und die Alte lebten, wie sie noch nie gelebt hatten. Das Öchslein aber stand im Hof in der Sonne. Die Sonne schien und schien, das Pech schmolz und floss und floss, und das Öchslein, schwupp, fiel in sich zusammen. Es blieb nur ein Häufchen Stroh.
Der Hase schaute über den Zaun und wackelte mit den Ohren:
„Davor hatten wir solche Angst?“
Aber der Honig war schon aufgegessen, die Schafe standen schon im Stall des Alten, und die Perlenkette der Oma hing schon um Omas Hals.





