Warum der Bär einen kurzen Schwanz hat
Die schlaue Füchsin bringt dem Bären bei, mit dem Schwanz im Eisloch zu angeln, und seitdem haben alle Bären nur ein Stummelschwänzchen.
- Ein bisschen traurig
- Ein bisschen gefährlich
Vor langer, langer Zeit, so erzählt man sich, hatte der Bär einen langen, laaangen Schwanz. Flauschig und braun war er und reichte bis ganz hinunter auf den Boden. Doch an einem Wintertag änderte sich alles.
Der Bär stapfte durch den Wald. Der Schnee unter seinen Tatzen machte knirsch, knirsch. Da kam ihm die Füchsin entgegen. Im Maul trug sie eine ganze Reihe Fische.
„Oho!“, staunte der Bär. „Wo hast du denn so viele Fische her, du Rotpelz?“
Die Füchsin hatte die Fische gerade irgendwo stibitzt. Aber würde sie das etwa zugeben?
„Selbst gefangen“, sagte sie und wedelte mit dem Schwanz. „Unten am Fluss.“
„Bring es mir auch bei!“, bat der Bär. „Ich will auch Fischlein haben.“
Die Füchsin kniff listig die Äuglein zusammen.
„Das ist ganz leicht. Geh zum Fluss und hack ein Loch ins Eis. Häng deinen Schwanz hinein und bleib schön sitzen. Wenn es zwickt, halt still! Zwickt es, dann beißt was an. Je länger du sitzt, desto mehr Fische. Und dann zieh, so fest du kannst!“
„Zwickt es, dann beißt was an“, wiederholte der Bär. „Hab ich mir gemerkt!“
Er tapste zum Fluss. Bumm, bumm, schlug er mit der Tatze aufs Eis, und schon war ein Loch da. Der Bär setzte sich hin und ließ den Schwanz ins schwarze Wasser hängen. Kalt! Brrr!
Da sitzt der Bär. Der Wind pfeift. Leise fällt der Schnee. Und der Schwanz zwickt: erst ein bisschen, dann immer mehr.
„Zwickt es, dann beißt was an“, flüstert der Bär. „Oh, das werden aber viele Fische!“
Und die Füchsin lugt hinter einem Busch hervor und kichert sich eins in die Pfote.
Der Bär sitzt eine Stunde. Er sitzt noch eine. Schon ist der Mond aufgegangen, schon funkeln die Sterne. Und der Schwanz zwickt und zwickt, und dann hört er sogar mit dem Zwicken auf.
„So, jetzt ist das Loch bestimmt randvoll mit Fischen!“, freute sich der Bär. „Jetzt ist es so weit!“
Er stemmte die Tatzen ins Eis und zog mit aller Kraft!
Knacks!
Der Bär purzelte kopfüber in den Schnee. Er drehte sich um, doch der Schwanz war weg. Nur ein kurzes Stummelschwänzchen stand noch ab, wie ein kleiner Baumstumpf. Der lange Schwanz aber steckte im Eis, festgefroren, ganz, ganz fest.
„Oje, oje“, seufzte der Bär. „Wo sind denn die Fische? Und wo ist mein Schwanz?“
Keine Fische und kein Schwanz. Und die Spuren der Füchsin hatte der Schnee längst zugeweht.
Der Bär betastete sein Schwänzchen mit der Tatze. Kurz. Komisch. Aber warm.
„Na, meinetwegen“, brummte der Bär. „Dafür friert er jetzt nicht mehr.“
Er stapfte nach Hause, zu seiner Höhle unter der alten Tanne. Dort scharrte er trockenes Laub zusammen, legte sich hin und rollte sich zu einer Kugel zusammen. Die Nase deckte er mit der Tatze zu. Und das Schwänzchen zu verstecken war ganz leicht, denn es war ja jetzt so klein.
Draußen tobt der Schneesturm, doch in der Höhle ist es still und warm. Der Bär gähnte und schlief ein, bis zum Frühling.
Und der Schneesturm hinter der Tanne sang ihm immer weiter sein Wiegenlied.
Seitdem haben alle Bären nur noch Stummelschwänzchen. Und schlauen Füchsen glauben sie kein Wort mehr.





