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Märchen

Die Katze aus dem Dovre-Gebirge

Ein Jäger bringt einen Eisbären zum König und übernachtet in einer Hütte, in die an Heiligabend Trolle stürmen. Die halten den Bären für eine Riesenkatze!

  • Ein bisschen gruselig
Für Eltern

Weit, weit oben im Norden, wo die Sonne im Winter kaum über den Horizont lugt, lebte einmal ein Jäger. Eines Tages fing er einen Bären, groß und weiß, so weiß wie frischer Schnee. Das Tier war ganz zahm. Es folgte seinem Herrn auf Schritt und Tritt wie ein treuer Hund und nahm ihm den Fisch so behutsam aus der Hand, dass es nicht einmal die Finger streifte.

„Ich bringe dich zum König“, sagte der Jäger. „So ein Wunder hat man in seinem Schloss noch nie gesehen.“

Der Bär brummte. Das hieß wohl Ja.

Und so machten sie sich auf den Weg. Sie wanderten durch Wälder, überquerten zugefrorene Flüsse und kletterten über Berge. Der Schnee knirschte unter den Stiefeln: knirsch, knirsch. Der Bär aber trat ganz leise auf, denn seine Pfoten waren weich und breit wie Kissen.

Genau an Heiligabend erreichten sie das Dovre-Gebirge. Es dämmerte schon. Der Wind heulte, und das Schneegestöber trieb ihnen die Flocken in die Augen. Da sah der Jäger unten im Tal eine kleine Hütte, und im Fenster schimmerte ein gelbes Licht.

Klopf, klopf, klopf!

Der Hausherr öffnete, ein stämmiger Kerl mit rotem Bart. Er hieß Halvor. Er warf einen Blick auf den Bären und wich erschrocken zurück.

„Guten Abend“, sagte der Jäger. „Lasst mich und meinen Gefährten bitte bei Euch übernachten. Er ist ganz friedlich und tut niemandem etwas.“

„Ach, guter Mann“, seufzte Halvor. „Ich würde euch ja gern hereinlassen. Aber heute darf niemand in diesem Haus bleiben. Nicht einmal wir selbst.“

„Warum denn das?“

„Weil jedes Jahr an Heiligabend die Trolle kommen. Eine ganze Horde! Sie poltern, sie fressen, und sie stellen alles auf den Kopf. Und wir müssen uns bis zum Morgen im Stall verstecken.“

Der Jäger kraulte den Bären zwischen den Ohren.

„Das ist doch halb so schlimm“, sagte er. „Lasst uns trotzdem herein. Mein Tier legt sich hinter den Ofen, und ich setze mich in die Ecke. Man wird uns gar nicht bemerken.“

Halvor kratzte sich am Hinterkopf, schaute hinaus in das Schneegestöber und winkte schließlich ab:

„Kommt herein. Bei so einem Wetter jagt man doch keine Gäste vor die Tür.“

In der Hütte war es warm, und es duftete nach Gebratenem. Die Hausfrau deckte gerade den Tisch: Brei mit Butter, Fisch, Pasteten und ein ganzer Kranz Wurst.

„Das ist alles für die Trolle“, erklärte sie. „Wenn sie nichts zu essen finden, schlagen sie alles kurz und klein.“

Die Kinder, zwei Jungen und ein Mädchen, umringten den Bären und bestaunten ihn mit kugelrunden Augen.

„Habt ihr denn keine Angst vor den Trollen?“, fragte das Mädchen.

„Abwarten“, sagte der Jäger und zwinkerte.

Der Bär kroch hinter den Ofen, rollte sich zusammen und schnaufte leise vor sich hin. Im Dunkeln sah man von ihm nur einen großen weißen Fellhaufen. Halvor und seine Familie wickelten sich in ihre Schafspelze und gingen in den Stall, und der Jäger setzte sich in der Ecke auf die Bank und rührte sich nicht mehr.

Im Haus wurde es still. Nur das Holz im Ofen knisterte, und der Wind heulte im Schornstein.

Um Mitternacht aber – bumm! bumm! – flog die Tür auf!

Herein polterten die Trolle. Große und kleine, zottelige und kahle, mit Nasen wie Kartoffeln und Schwänzen wie Besen. Die einen drängten sich durch die Tür, die anderen durchs Fenster, und ein paar kamen sogar durch den Schornstein, und alle waren schwarz vor Ruß.

Sie setzten sich an den Tisch, und dann ging es los: mampf, mampf, schmatz, schmatz! Den Brei aßen sie einfach mit den Händen. Die Fische schluckten sie samt Schwanz hinunter. Ein Troll wischte sich den Mund mit seinem eigenen Bart ab, ein zweiter tanzte auf der Bank, und ein dritter sang mit einer Stimme, als quietschte ein altes Scheunentor.

Das kleinste Trollkind, das frechste von allen, schnappte sich ein Stück Wurst, spießte es auf eine Gabel und schnüffelte damit im ganzen Haus herum. Es guckte unter die Bank, es guckte in das Fass, und da sah es: Hinter dem Ofen lag etwas Großes, Weißes, Flauschiges.

„Oh!“, piepste das Trollkind. „Eine Mieze! Was für eine riesige Mieze!“

Es schlich sich näher und stupste dem Bären die Wurst direkt an die Nase.

„Miez, miez! Magst du ein Würstchen?“

Der Bär zuckte mit einem Ohr. Und schlief weiter.

„Miez, miez!“ Und wieder ein Stups an die Nase. „Magst du ein Würstchen?“

Der Bär schnaubte. Und schlief weiter.

„Miez, miez! Na, magst du nun ein Würstchen?“

Und es stupste ein drittes Mal, und zwar so fest, dass die Wurst an der schwarzen Nase kleben blieb.

Da hielt es der weiße Riese nicht mehr aus. Er richtete sich zu voller Größe auf, dass die Decke knackte, und brüllte:

„R-R-R-RAAAH!“

Die Trolle erstarrten mit vollen Händen. Und dann – nichts wie weg! Die einen zur Tür hinaus, die anderen zum Fenster, wieder andere den Schornstein hinauf. Die Großen schubsten die Kleinen, die Kleinen quiekten, einer verlor seine Mütze, ein anderer seinen Schuh. Der Bär stapfte bis zur Schwelle und brüllte ihnen sicherheitshalber noch einmal hinterher. Im Nu war kein einziger Troll mehr im Haus.

Der Jäger lachte so sehr, dass er sich den Bauch halten musste. Dann trat er hinaus und rief:

„Halvor! Kommt zurück! Eure Gäste sind schon gegangen!“

Vorsichtig öffnete die Familie die Tür einen Spalt. Auf dem Tisch standen leere Schüsseln, auf dem Boden lag irgendeine Mütze, und hinter dem Ofen hatte sich der Bär wieder zusammengerollt und schnaufte.

„Na, das ist mir vielleicht eine Mieze!“, lachte Halvor.

Die Hausfrau kochte frischen Brei, und alle zusammen, Menschen und Tier, aßen in aller Ruhe zu Abend, am eigenen Tisch. Zum ersten Mal seit vielen Jahren! Am Morgen bedankte sich der Jäger für die Gastfreundschaft, und er und der Bär zogen weiter zum König.

Ein Jahr verging. Wieder war Heiligabend. Halvor hackte im Wald Holz für den Ofen, tock, tock, als plötzlich hinter den Tannen eine heisere Stimme rief:

„Halvor! Halvor!“

„Was willst du?“, rief er zurück, ohne die Axt loszulassen.

„Sag mal … Wohnt die große weiße Mieze immer noch bei dir?“

Halvor lächelte in seinen roten Bart:

„Aber sicher! Sie liegt hinter dem Ofen. Und jetzt hat sie auch noch sieben Kätzchen. Und jedes ist größer und böser als sie selbst!“

„Oje, oje, oje!“, kreischte es aus dem Wald. „Dann kommen wir nie, nie wieder zu dir!“

Und sie kamen auch nicht mehr.

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Frei nach: Asbjørnsen und Moe, 1843

Für Eltern

Worum es geht

Ein Jäger mit einem zahmen weißen Bären bittet um ein Nachtlager in einer Hütte, in die jedes Jahr an Heiligabend lärmende Trolle einfallen. Dein Kind lacht über die zotteligen Vielfraße, die Brei mit den Händen essen, und das freche Trollkind, das der riesigen „Mieze“ eine Wurst anbietet.

Was es lehrt

  • Klugheit
  • Güte
  • Mut

Fragen für das Gespräch mit deinem Kind

  • Warum dachten die Trolle, dass hinter dem Ofen eine Mieze liegt? Was glaubst du, was haben sie im Dunkeln gesehen?
  • Was hat Halvor dem Troll ein Jahr später gesagt? Und wo war der weiße Bär da in Wirklichkeit?
  • Was meinst du, warum hat Halvor den Jäger mit dem Bären hereingelassen, obwohl er selbst Angst vor den Trollen hatte?

Zu Hause

Spielt zusammen „Trolle und Mieze“: Einer „schläft“ unter einer Decke hinter dem „Ofen“, die anderen schleichen auf Zehenspitzen heran, bis der „Bär“ laut brüllt.

Ein Satz zum Merken

„Bei so einem Wetter jagt man doch keine Gäste vor die Tür.“

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