Der gestiefelte Kater
Dem jüngsten Müllerssohn blieb nur ein Kater, doch dieser Kater in Stiefeln überlistete den König, die Mäher und sogar einen menschenfressenden Riesen.
- Ein bisschen gruselig
- Ein bisschen traurig
- Ein bisschen gefährlich
Es war einmal ein alter Müller, und er hatte drei Söhne, eine Mühle, einen Esel und einen rotbraunen Kater. Als der Müller gestorben war, nahm der älteste Sohn die Mühle, der mittlere den Esel, und dem jüngsten blieb nur der Kater.
Der Junge setzte sich auf die Schwelle und wurde ganz traurig.
„Die Brüder verdienen sich wenigstens ihr Brot“, seufzte er. „Aber was soll ich mit einem Kater anfangen?“
Der Kater hatte alles gehört. Er strich dem Jungen ums Knie und sagte mit ganz menschlicher Stimme:
„Sei nicht traurig, Herr. Gib mir Sack und Stiefel, damit ich mir im Wald nicht die Pfoten zerkratze, und du wirst sehen: Ich bin mehr wert als eine Mühle.“
Dem Jungen blieb vor Staunen der Mund offen stehen. Ein Kater, der sprechen kann, ist schon ein Wunder. Und dieser Kater war obendrein der beste Mäusefänger weit und breit. Manchmal legte er sich ins Mehl und rührte sich nicht, als schliefe er, und die Mäuse huschten — husch! — an ihm vorbei. Dann — hopp! — und schnapp!
„Vielleicht fällt ihm wirklich etwas ein“, dachte der Junge. Er ging zum Schuster und tauschte seine Festtagsmütze gegen ein Paar kleine Stiefelchen ein.
Der Kater zog sie an, stampfte — stapf-stapf! —, warf den Sack über die Schulter und machte sich auf den Weg in den Wald. Er legte Kohlblätter in den Sack, legte sich daneben und rührte sich nicht. Bald kam ein junges Kaninchen zum Sack gehüpft — hopp-hopp — und steckte die Nase hinein. Der Kater — ruck am Schnürchen! — und der Sack war zu.
Mit diesem Sack ging der Kater geradewegs zum Königsschloss.
„Eure Majestät“, sagte er und verbeugte sich tief, so tief, dass die Stiefel knarrten, „mein Herr, der Marquis von Carabas, schickt Euch ein Kaninchen aus seinem eigenen Wald zum Geschenk.“
Einen Marquis gab es natürlich nicht. Den Namen hatte sich der Kater unterwegs ausgedacht, denn er klang großartig und vornehm.
„Danke deinem Herrn von mir“, lächelte der König. „Er ist offenbar ein höflicher Mann.“
So ging der Kater den ganzen Winter lang zum Schloss: mal brachte er ein Kaninchen, mal ein Paar Rebhühner. Der König wartete schon auf ihn.
„Ah, wieder etwas vom Marquis von Carabas!“, freute er sich.
An einem Frühlingstag hörte der Kater, dass der König mit seiner Tochter, der Prinzessin, in der Kutsche am Fluss entlangfahren würde.
„Herr“, sagte der Kater, „bade heute im Fluss, dort bei der Weide. Mehr musst du nicht tun, den Rest überlass mir.“
Der Junge verstand nicht, wozu das gut sein sollte, aber er gehorchte. Kaum war er ins Wasser gestiegen, versteckte der Kater seine geflickten Kleider unter einem Stein. Und als auf der Straße die Kutsche heranrumpelte — rrr, rrr —, lief der Kater ihr entgegen und rief aus voller Kehle:
„Hilfe! Hilfe! Der Marquis von Carabas ertrinkt!“
Der König schaute aus dem Fenster und erkannte den Kater, der ihm die Geschenke gebracht hatte.
„He, Wachen, schnell! Rettet den Marquis!“
Die Wachen zogen den Jungen ans Ufer, nass und ratlos. Und der Kater erklärte, listig blinzelnd:
„Während mein Herr badete, haben ein paar Landstreicher seine Kleider gestohlen. Ich habe gerufen, aber da waren sie schon weg.“
Der König ließ die schönsten Kleider aus dem Schloss holen. Der Junge zog einen blauen Samtrock mit silbernen Knöpfen an, und nun hätte ihn keiner wiedererkannt. Er war hübsch und höflich, und die Prinzessin sah ihn einmal an, sah ihn noch einmal an — und wurde ein bisschen rot.
„Steigt zu uns ein, Herr Marquis“, lud der König ihn ein.
Der Junge stieg in die Kutsche, und der Kater lief voraus, man sah nur die Stiefel blitzen.
Bei einer weiten Wiese mähten Mäher das Gras — wusch, wusch.
„He, gute Leute!“, rief der Kater und sprang auf einen Stein. „Gleich fährt hier der König vorbei. Wenn er fragt, wem diese Wiese gehört, sagt: ‚Dem Marquis von Carabas.‘ Und wenn ihr es nicht sagt, dann könnt ihr was erleben!“
Und er blitzte so mit seinen grünen Augen, dass die Mäher sich vor Schreck hinhockten. Wer weiß, was ein sprechender Kater in Stiefeln alles anstellen kann? Ausprobieren wollte das keiner.
Bald fuhr die Kutsche heran.
„Wem gehört diese schöne Wiese?“, fragte der König.
„Dem Marquis von Carabas!“, antworteten die Mäher im Chor.
Der Kater aber lief immer weiter. Beim Weizenfeld sagte er den Schnittern dasselbe, bei den Obstgärten den Gärtnern, beim Wald den Holzfällern. Und wo der König auch fragte, wem es gehöre, bekam er zur Antwort:
„Dem Marquis von Carabas!“
„Na, Ihr habt aber reiche Ländereien, Herr Marquis!“, staunte der König.
Der Junge nickte nur, denn er wusste nicht, was er dazu sagen sollte.
In Wahrheit aber gehörten alle diese Wiesen, Felder und Wälder einem menschenfressenden Riesen. Sein Schloss stand auf einem Berg, und die Reisenden machten einen großen Bogen darum. Genau dorthin lief der Kater.
Klopf-klopf-klopf! Der Riese öffnete selbst die Tür, so groß, dass der Kater kaum seinen Bart erkennen konnte.
„Was willst du, Kater?“, brummte er.
„Ich kam gerade vorbei und konnte nicht anders, als hereinzuschauen“, verbeugte sich der Kater. „Man sagt, Ihr könnt Euch in jeden verwandeln. Stimmt das wirklich?“
Der Riese lachte so laut, dass die Scheiben klirrten.
„Es stimmt! Schau!“
Bumm! — und vor dem Kater stand ein Löwe mit dichter Mähne. Rrr!
Der Kater sprang vor Schreck — husch! — aufs Dach. Doch die Stiefel rutschten auf den Ziegeln, und er konnte sich gerade noch an der Regenrinne festhalten. Der Löwe wurde wieder zum Riesen und lachte lange.
Der Kater kletterte vorsichtig hinunter.
„Oh, habt Ihr mir einen Schrecken eingejagt!“, sagte er und strich sich die Schnurrhaare glatt. „Aber ein Löwe ist leicht, Ihr seid ja ohnehin groß. In etwas Kleines, zum Beispiel in eine Maus, könnt Ihr Euch bestimmt nicht verwandeln?“
„Ich? Ich kann das nicht?“, ärgerte sich der Riese. „Schau!“
Puff! — und auf dem Steinboden lief schon ein graues Mäuschen.
Da fiel dem Kater ein, was er am besten konnte. Hopp! Schnapp! — und das Mäuschen steckte im Sack, und die Schnur war fest verknotet. Seitdem hat niemand den Riesen mehr gesehen.
Da rumpelte unter dem Tor eine Kutsche heran. Der Kater lief ihr entgegen und verneigte sich:
„Willkommen im Schloss des Marquis von Carabas!“
Dem König blieb die Luft weg. So ein Schloss hatte nicht einmal er! Im Saal stand schon ein gedeckter Tisch: Der Riese hatte Gäste erwartet, doch die Gäste waren nie gekommen. So setzten sich der König, die Prinzessin und der Müllerssohn an diesen Tisch.
Bald feierten der Junge und die Prinzessin Hochzeit. Der Kater wurde ein vornehmer Herr und musste nicht mehr Mäuse fangen, um satt zu werden. Er fing sie jetzt nur noch zum Spaß. Doch man sagt, bevor er sprang, sah er jede Maus immer ein wenig länger an: Vielleicht hatte sich ja jemand verwandelt?





