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Märchen

Das hässliche Entlein

Ein graues Entlein, das alle vom Hühnerhof vertreiben, übersteht Herbst und Winter und sieht im Frühling im Wasser, dass es ein Schwan geworden ist.

  • Ein bisschen gruselig
  • Ein bisschen traurig
  • Ein bisschen gefährlich
Für Eltern

Es war einmal eine Ente, die wohnte unter großen Klettenblättern am Teich. Sie saß so lange auf ihrem Nest, dass ihr schon die Füßchen eingeschlafen waren, aber die Kleinen wollten und wollten nicht schlüpfen.

Endlich – knack! knack! – sprangen die Eierschalen auf, und gelbe Köpfchen schauten heraus.

„Piep, piep!“, piepsten die Entlein.

„Quak, quak!“, freute sich die Mama. „Wie hübsch ihr seid! Seid ihr alle da?“

Nein, nicht alle. Das größte Ei lag noch ganz und gar heil da.

Eine alte Nachbarsente kam vorbei, um nachzusehen, und schüttelte den Kopf.

„Ach, meine Liebe, das ist bestimmt ein Putenei. Mich hat man auch einmal so hereingelegt. Lass es liegen und bring die Kleinen ans Wasser.“

„Kommt nicht infrage“, sagte die Mama. „So lange hab ich schon gesessen, da sitze ich das bisschen auch noch.“

Und das tat sie auch. Und endlich – knack! – kletterte aus dem großen Ei ein Küken. Groß, grau, tollpatschig und mit einem langen Hals.

„Piep!“, sagte es.

Die Mama sah es an und blinzelte verdutzt:

„Was bist du für ein großer Brocken … Und deinen Geschwistern siehst du gar nicht ähnlich. Bist du am Ende doch ein Putenküken?“

Am nächsten Morgen führte sie ihre Kinder zum Teich. Platsch! – war sie im Wasser. Platsch, platsch! – alle Entlein hinterher. Und das graue paddelte gleichmäßiger als alle anderen.

„Nein, kein Putenküken“, lächelte die Mama. „Sieh nur, wie es schwimmt! Das ist mein eigenes Kind. Wenn man genau hinschaut, ist es sogar ganz hübsch.“

Dann führte die Mama ihre Kinder auf den Hühnerhof. Ach, was war da los! Die Hühner gackerten, die Gänse schnatterten, und der Truthahn plusterte sich auf wie eine Trommel und lief rot an bis zum Schnabel.

„Schon wieder neue!“, tuschelten alle. „Und was ist denn das für eine Vogelscheuche? So eins wollen wir hier nicht!“

Eine Ente sprang herbei und hackte das Entlein in den Hals.

„Lasst es in Ruhe!“, rief die Mama. „Es tut doch niemandem etwas.“

„Zu lang und zu seltsam“, quakte eine vornehme alte Ente mit einem roten Lappen am Bein. „Deine Kinder sind alle hübsch, nur das da nicht.“

Von da an hatte das arme Entlein keine ruhige Minute mehr. Die Hühner hackten nach ihm, die Gänse zwickten es, und der Truthahn jagte ihm hinterher und kollerte böse. Sogar seine Brüder und Schwestern riefen:

„Hau ab, du Hässliches!“

Eines Tages hielt das Entlein es nicht mehr aus. Es nahm Anlauf, schlug mit den Flügelchen – flatter! – und flog über den Zaun. Die Vögelchen in den Büschen flatterten erschrocken auf.

„Das ist, weil ich so hässlich bin“, dachte das Entlein, kniff die Äuglein zu und rannte weiter.

So kam es zu einem großen Sumpf, in dem die Wildenten wohnten.

„Wer bist du denn?“, wunderten sie sich. „Na, du bist aber hässlich! Uns soll’s egal sein – solange du nicht um unsere Töchter freist.“

Daran hatte das Entlein nicht im Traum gedacht. Es wollte nur ein bisschen im Schilf sitzen und vom Sumpfwasser trinken.

Da – peng! peng! – krachte es über dem Sumpf. Jäger waren gekommen. Die Wildgänse stiegen schreiend in den Himmel, und durch das Riedgras – patsch, patsch! – kam ein riesiger Hund gelaufen. Mit heraushängender Zunge stupste er das Entlein direkt mit der Nase an, schnaubte – und rannte weiter.

„Ach“, seufzte das Entlein. „Ich bin so hässlich, dass nicht einmal der Hund mich wollte.“

Als alles still geworden war, trottete es davon, wohin die Füße es trugen, und kam gegen Abend zu einem alten Häuschen. Die Tür hing schief in den Angeln, und das Entlein huschte leise durch den Spalt hinein.

In dem Häuschen wohnte ein altes Mütterchen mit dem Kater Schnurrer und der Henne Kurzbein. Das Mütterchen kniff die Augen zusammen, denn es sah schlecht:

„Na, so was! Eine Ente hat sich zu mir verirrt! Jetzt bekomme ich auch noch Enteneier.“

Doch die Tage vergingen, und Eier gab es keine. Der Kater und die Henne sahen auf das Entlein herab.

„Kannst du einen Buckel machen und schnurren?“, fragte der Kater.

„Nein.“

„Und kannst du Eier legen?“, fragte die Henne.

„Nein.“

„Dann sei still, wenn Kluge reden.“

Das Entlein saß in der Ecke und war traurig. Es sehnte sich so sehr nach dem Wasser!

„Ach, wenn ich jetzt schwimmen könnte“, flüsterte es. „Mit dem Kopf untertauchen, bis ganz hinunter auf den Grund …“

„So ein Unsinn!“, gackerte die Henne. „Frag doch mal den Kater, ob er gern taucht. Oder frag das Mütterchen!“

„Ihr versteht mich nicht“, sagte das Entlein leise.

„Wir verstehen dich nicht?! Wir sind doch die Klügsten im ganzen Haus!“

Da verabschiedete sich das Entlein und zog hinaus in die weite Welt.

Es wurde Herbst. Die Blätter färbten sich gelb, der Wind wirbelte sie über das Wasser, und die Wolken hingen tief und schwer. Das Entlein schwamm und tauchte, mutterseelenallein.

Eines Abends, als die Sonne wie ein roter Ball unterging, erhob sich aus dem Schilf ein Schwarm wunderschöner Vögel. Schneeweiß waren sie, mit langen, biegsamen Hälsen. Sie breiteten ihre großen Flügel aus und flogen fort in die warmen Länder.

Das Entlein drehte sich im Wasser, reckte den Hals und rief so seltsam und laut, dass es selbst erschrak. Es wusste nicht, was das für Vögel waren. Aber es hatte sie so lieb gewonnen wie noch niemanden zuvor. Und es war kein bisschen neidisch – an so viel Schönheit kam es ja doch nie heran!

Dann kam der Winter, bitterkalt und frostig. Das Entlein schwamm und schwamm im Kreis, damit sein Loch im Eis nicht zufror. Doch Nacht für Nacht wurde das Loch kleiner, bis das Eis das Entlein schließlich an den Füßen festhielt.

Am Morgen kam ein Bauer vorbei. Er sah das arme Ding, stampfte mit dem Stiefel auf – knack! –, zerbrach das Eis und trug das Entlein unter seiner Jacke nach Hause.

In der warmen Stube taute das Entlein auf und kam wieder zu Kräften. Die Kinder stürmten gleich herbei, um mit ihm zu spielen, aber es dachte, sie wollten ihm etwas tun. Vor Schreck schlug es mit den Flügeln – und plumps! – landete es mitten im Milchtopf. Die Milch – schwapp! – ergoss sich über den ganzen Fußboden. Die Bäuerin klatschte in die Hände, und das Entlein flatterte vor lauter Angst ins Butterfass und von dort – in die Mehltonne!

„Ach du liebe Güte!“, rief die Bäuerin.

Die Kinder lachten laut, purzelten übereinander und versuchten, das Entlein zu fangen, und das Entlein, ganz weiß vom Mehl, flitzte zwischen ihnen hin und her. Da ging gerade die Tür auf, und – husch! – war es draußen im Schnee.

Lange zog sich dieser Winter noch hin. Das Entlein versteckte sich im Schilf, fror und wartete. Und endlich wärmte die Sonne wieder, die Lerchen sangen, und der Schnee floss in kleinen Bächen davon.

Das Entlein schlug mit den Flügeln. Groß und kräftig waren sie geworden – wusch, wusch! – und trugen es hoch über die Felder. Erst in einem großen Garten, wo die Apfelbäume blühten und das Wasser still dahinfloss, kam es wieder zur Besinnung.

Und plötzlich glitten unter den Zweigen drei weiße Schwäne hervor. Genau diese wunderschönen Vögel!

„Ich schwimme zu ihnen“, beschloss das Entlein. „Sollen sie mich doch verjagen, sollen sie mich sogar hacken. Von so schönen Vögeln tut es nicht so weh.“

Es schwamm näher und neigte den Kopf zum Wasser. Und da sah es sein Spiegelbild.

Da schaute ihm kein grauer, tollpatschiger Vogel entgegen. Da schaute ihm ein weißer Schwan mit langem, biegsamem Hals entgegen.

Die Schwäne umringten den jungen Schwan und streichelten ihn zärtlich mit ihren Schnäbeln.

Kinder kamen ans Ufer gelaufen, warfen Brot ins Wasser und freuten sich:

„Schaut mal, ein neuer ist gekommen! Ein neuer! Er ist der Schönste von allen!“

Dem jungen Schwan wurde ganz verlegen zumute. Er steckte den Kopf unter den Flügel und wusste nicht, was er sagen sollte. Aber stolz wurde er kein bisschen – er dachte nur daran, wie alle ihn verjagt und gezwickt hatten, und jetzt nannten sie ihn den schönsten aller Vögel. Und sein Herz klopfte ganz warm.

Sogar die Apfelbäume neigten ihre blühenden Zweige vor ihm bis hinab ans Wasser, und die Sonne schien hell und sanft. Da hob der junge Schwan den Kopf, plusterte sein Gefieder auf, bog den langen Hals und rief fröhlich, aus tiefstem Herzen:

„So viel Glück habe ich mir nie träumen lassen, als ich noch ein hässliches Entlein war!“

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Frei nach: Hans Christian Andersen, 1843

Für Eltern

Worum es geht

Ein Märchen über ein graues, tollpatschiges Entlein, das auf dem Hühnerhof alle verjagen, weil es anders ist. Es zieht durch die Welt, übersteht Herbst und harten Winter und sucht einen Ort, wo man es aufnimmt. Kinder fühlen mit dem Helden mit und fiebern dem Frühling entgegen.

Was es lehrt

  • Güte
  • Geduld

Fragen für das Gespräch mit deinem Kind

  • Was glaubst du, wie hat sich das Entlein gefühlt, als alle auf dem Hühnerhof es weggejagt haben?
  • Warum ist der Schwan nicht stolz geworden, als die Kinder ihn den Schönsten genannt haben?
  • Was kann man tun, wenn sich jemand in der Nähe fremd und einsam fühlt?

Zu Hause

Setzt euch zusammen und erzählt reihum, worin sich jeder in eurer Familie von den anderen unterscheidet. Danach sagt ihr einander je eine schöne Eigenschaft.

Ein Satz zum Merken

„So viel Glück habe ich mir nie träumen lassen, als ich noch ein hässliches Entlein war!“

Dieses Märchen in anderen Sprachen

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