Der Wächter der erloschenen Sterne
Myroslawa hat Angst im Dunkeln, doch sie wandert mit einem müden Wächter über nächtliche Dächer, um die Sterne über der Altstadt wieder anzuzünden.
- Ein bisschen gruselig
- Ein bisschen traurig
- Ein bisschen gefährlich
Myroslawa wohnte ganz oben unter dem Dach eines alten Hauses, in einem Stübchen mit einem runden Fenster. Am Tag fürchtete sie sich vor nichts: nicht vor den Gänsen bei Oma auf dem Dorf, nicht vor hohen Schaukeln und nicht vor dem bösen Hund aus dem Nachbarhof. Aber nachts fürchtete sie sich vor der Dunkelheit.
Darum schob sie jeden Abend den Vorhang zur Seite und schaute in den Himmel. Solange über den Dächern die Sterne leuchteten, kam ihr das Dunkel im Zimmer nicht ganz so schwarz vor. Myroslawa hatte den Sternen sogar Namen gegeben. Den hellsten, der über dem Rathausturm hing, nannte sie Funkelchen.
An jenem Abend setzte sie sich wie immer aufs Fensterbrett, schlang die Arme um die Knie – und erstarrte.
Die Sterne erloschen.
Einer. Zwei. Fünf. Als ginge jemand über den Himmel und bliese Kerzen aus. Als Letztes blinzelte Funkelchen – und verschwand auch.
Über der Stadt wurde es schwarz wie in einer geschlossenen Truhe. Myroslawa wich vom Fenster zurück. Ihr Herz pochte – bumm-bumm-bumm –, dass es ihr in den Ohren dröhnte.
„Mama …“, flüsterte sie, aber so leise, dass sie es selbst kaum hörte.
Da klopfte es an die Scheibe. Tock. Tock-tock.
Myroslawa krallte sich in ihre Bettdecke. Hinter dem Glas schaukelte ein winziges blaues Flämmchen. Und in seinem Licht: eine lange Nase, ein grauer Bart und ein Hut mit breiter Krempe.
„Verzeihung, junges Fräulein“, sagte jemand vor dem Fenster, etwas heiser und sehr höflich. „Hätten Sie vielleicht ein wenig Zeit? Und ein Paar scharfe Augen?“
Myroslawa zögerte noch einen Augenblick. Dann öffnete sie das Fensterchen.
Auf dem Sims stand ein großer, dünner alter Mann in einem langen blauen Mantel mit Kupferknöpfen. In der einen Hand hielt er eine Stange mit einem Haken am Ende, in der anderen eine kleine Kupferlaterne. Das Flämmchen darin zitterte wie ein Blatt im Wind.
„Wer sind Sie?“, fragte Myroslawa.
„Der Wächter der erloschenen Sterne“, sagte der alte Mann und verbeugte sich. „Du kannst einfach Omelko zu mir sagen. Jede Nacht gehe ich über die Dächer und zünde die Sterne an, die müde geworden sind. Aber heute …“ Er seufzte schuldbewusst. „Heute war ich selbst müde. Ich habe mich nur kurz auf einen Schornstein gesetzt, die Augen zugemacht – und derweil hat der Wind mit meiner Laterne gespielt. Ein Stern ist ausgegangen, und danach alle anderen. Sie halten sich nämlich aneinander fest wie Kinder beim Ringelreihen: Stolpert einer, fallen alle hin.“
„Und jetzt?“
„Jetzt muss dieses Flämmchen hinauf zur Spitze des Rathausturms. Dort steht ein eiserner Stern. Von ihm aus läuft das Licht über den ganzen Himmel. Nur …“ Omelko legte die Hand über die Augen. „Ich bin schon alt. Ohne die Sterne sehe ich nicht, wohin ich trete. Und das Flämmchen ist so schwach, dass es höchstens meine Schuhe beleuchtet.“
Myroslawa schaute in die Schwärze vor dem Fenster. Die Schwärze schaute zurück.
„Ich habe Angst im Dunkeln“, sagte sie ehrlich.
„Ich weiß“, nickte der Wächter. „Ich sehe doch, wer jeden Abend auf diesem Fensterbrett sitzt. Aber du kennst diese Dächer besser als ich. Du hast sie hundertmal angeschaut.“
Das stimmte. Myroslawa kannte jedes Dach: da das rote mit den zwei Schornsteinen, da das grüne mit dem Wetterhahn auf der Spitze, da die Bäckerei, über der es morgens nach Brötchen duftet. Sie hätte sie mit geschlossenen Augen malen können.
Mit zitternden Händen legte sie sich Omas gelben Schal um den Hals, schlüpfte in ihre Hausschuhe – und kletterte auf den Sims.
Die Dachziegel unter ihren Füßen waren kalt und rau. Klirr – ein Ziegel bewegte sich. Myroslawa packte den Wächter am Ärmel.
„Wohin?“, fragte Omelko.
Myroslawa machte die Augen zu. So war es sogar leichter: Das Dunkel hinter den Lidern war ein ganz gewöhnliches, ihr eigenes. Sie stellte sich die Dächer so vor, wie sie sie jeden Abend im Sonnenuntergang sah, rosa und warm.
„Geradeaus zum roten Dach. Dann links, an der Regenrinne entlang. Da kommt die Bäckerei.“
Sie gingen los. Ein Schritt. Noch ein Schritt. Das Flämmchen beleuchtete kaum die Ziegel, und jeder Schatten sah aus wie ein Loch.
Auf dem roten Dach, beim Schornstein, blitzte etwas auf. Zwei grüne Lichter. Zwei Augen. Sie starrten Myroslawa geradewegs an – und blinzelten nicht.
Myroslawa erstarrte. Ihre Beine wurden weich wie Watte. „Das ist ein Ungeheuer“, dachte sie. „Es sitzt jede Nacht hier und wartet.“
„Wer ist da?“, piepste sie.
„Miau“, antwortete das Ungeheuer.
Omelko hob die Laterne. Auf dem Schornstein saß ein schwarzer Kater mit weißem Lätzchen und schlug empört mit dem Schwanz.
„Das ist ja Rußi, der Kater vom Bäcker!“, lachte Myroslawa. Ihr Lachen klang noch ein bisschen zittrig, aber es war echt. „Den sehe ich tagsüber. Er schläft immer auf dem Fensterbrett der Bäckerei.“
„Mrrr“, bestätigte Rußi. Hopp, vom Schornstein herunter – und er tappte hinter ihnen her, als hätte er auch etwas im Rathaus zu erledigen.
Hinter der Bäckerei hörten die Dächer auf. Unten lag dunkel die Gasse – schmal, aber tief wie ein Brunnen. Darüber, von der Bäckerei zur alten Apotheke, führte ein Brückchen aus Brettern, das irgendwann die Schornsteinfeger gelegt hatten. Statt eines Geländers gab es nur ein gespanntes Seil.
„Ich zuerst“, sagte Omelko und trat auf die Bretter. Knarr. Knarr. Er ging langsam, denn seine Knie knackten, und das Flämmchen in der Laterne schwankte hin und her.
Myroslawa blieb allein am Rand zurück. Unter ihr war Schwärze. Hinter ihr auch. Sogar Rußi war irgendwohin verschwunden.
Sie stand da und konnte sich nicht rühren. „Ich schaffe das nicht“, dachte sie. „Mutige zittern nicht. Und ich zittere am ganzen Körper, von den Hausschuhen bis zum Zopf.“
„Myroslawa“, rief der Wächter leise von drüben. „Ich bin hier. Halt dich am Seil fest und zähl die Schritte.“
Sie griff nach dem Seil. Es war rau und noch warm von der Hand des alten Mannes. Eins. Zwei. Die Knie schlotterten. Drei. Vier. Eine Träne kullerte auf den Schal. Fünf. Sechs. Sieben.
Beim achten Schritt fing eine trockene, warme Hand sie auf.
„Na also“, sagte Omelko. „Acht Schritte.“
„Ich habe die ganze Zeit gezittert“, flüsterte Myroslawa.
„Ich hab’s gesehen“, lächelte der Wächter. „Und du bist trotzdem gegangen.“
Myroslawa wollte etwas antworten, doch da kam hinter der Apotheke – huuuuu! – der Wind herangebraust.
Er war kalt und wild wie ein Hund, der sich von der Kette gerissen hat. Er zerrte an Omelkos Hut, pfiff in den Schornsteinen und packte die Laterne. Das Flämmchen duckte sich, wurde blau und wäre beinahe ausgegangen.
„Oje, oje!“, rief der Wächter. „Halt sie fest!“
Myroslawa überlegte keine Sekunde. Sie riss sich Omas Schal vom Hals, wickelte die Laterne darin ein und drückte sie an die Brust wie ein Kätzchen. Beide Hände um das Glas. Den Rücken zum Wind.
Der Wind heulte, zog an ihrem Zopf, zerrte an ihrem Schlafanzug. Doch unter dem Schal, ganz nah am Herzen, wurde etwas leise warm.
„Geh nicht aus“, flüsterte Myroslawa. „Bitte, geh nicht aus. Ich habe auch Angst, aber ich halte dich doch.“
Endlich war der Wind aus der Puste, brummte noch etwas in die Regenrinnen und zog davon, über den Fluss.
Myroslawa wickelte den Schal vorsichtig auf. Das Flämmchen lebte. Es war klein, aber ruhig, und es leuchtete jetzt ein bisschen heller als vorher.
„Es wird dich nicht vergessen“, sagte Omelko. „Flämmchen merken sich, wer sie gewärmt hat.“
Da war auch schon das Rathaus. Sein Turm stand über der Stadt wie ein Riese mit Kapuze. Drinnen führte eine steile Wendeltreppe nach oben. Omelko kletterte hinauf, hielt sich an der Wand fest und ruhte sich an jeder Biegung aus.
„Ach, meine alten Knochen“, brummelte er. „Vor hundert Jahren bin ich hier hinaufgeflogen wie ein Spatz.“
Endlich traten sie auf eine hölzerne Plattform direkt unter der Turmspitze. Von hier führte nur noch eine schmale eiserne Leiter ganz nach oben. Und dort oben quietschte, kaum hörbar, der eiserne Stern im Wind.
Omelko setzte den Fuß auf die erste Sprosse – und verzog das Gesicht.
„Es geht nicht“, seufzte er. „Mein Knie will sich nicht beugen. Myroslawa … du musst es machen.“
Myroslawa schaute hinauf. Die Leiter verschwand in einer so dichten Finsternis, als wäre dort oben gar nichts – keine Turmspitze, kein Stern, kein Himmel. Nur dieselbe Dunkelheit, vor der sie sich ihr ganzes Leben lang gefürchtet hatte.
„Und wenn ich da oben Angst bekomme?“, fragte sie.
„Dann bekommst du eben Angst“, sagte der Wächter schlicht. „Angst wiegt nicht viel. Man kann sie mitnehmen.“
Er hängte ihr die Laterne an dem gelben Schal um den Hals, damit sie die Hände frei hatte.
Myroslawa kletterte los. Eine Sprosse. Noch eine. Das Eisen war eiskalt. Unten verschwanden Omelko, die Plattform, der Turm. Es blieben nur sie, die Leiter und das kleine Flämmchen an ihrem Herzen.
Damit es nicht so unheimlich war, sang sie leise Omas Schlaflied – das vom Schlaf, der unter den Fenstern entlanggeht. Ihre Stimme zitterte. Ihre Hände zitterten. Aber ihre Füße stiegen höher und höher.
Und plötzlich berührten ihre Finger etwas Kaltes mit spitzen Zacken. Der Stern!
In seiner Mitte war ein kleines Schälchen. Myroslawa öffnete das Türchen der Laterne und trug das Flämmchen vorsichtig auf der flachen Hand hinüber; in der Laterne blieb ein winziger blauer Funke zurück. Das Flämmchen brannte überhaupt nicht, es kitzelte nur, wie eine Feder.
Puff!
Der eiserne Stern flammte golden auf. Das Licht lief über seine Zacken, sprang von ihnen ab und sauste nach oben, mitten in den schwarzen Himmel. Dort leuchtete ein Stern auf. Von ihm ein zweiter, ein dritter, ein zehnter. Sie reichten sich das Licht weiter wie Kinder beim Ringelreihen, und nach einem Weilchen war der ganze Himmel über der Stadt wieder mit Sternen übersät.
Und als Letztes, genau über der Turmspitze, strahlte Funkelchen auf. Myroslawa kam es vor, als hätte es ihr zugezwinkert.
Jetzt sah sie alles: die roten und grünen Dächer, das silberne Band des Flusses, die Bäckerei, auf deren Schornstein wieder Rußi saß. Und das kleine runde Fenster unter dem Dach ihres eigenen Hauses.
Sie kletterte hinunter – und die Sprossen kamen ihr gar nicht mehr so eiskalt vor.
„Na?“, fragte Omelko. Seine Augen glänzten wie zwei neue Sterne.
„Ich hatte Angst“, sagte Myroslawa. „Die ganze Zeit. Von der ersten Sprosse bis zur letzten.“
„Und ich habe jede Nacht ein kleines bisschen Angst“, gestand der Wächter. „Schon seit hundert Jahren. Darum trage ich ja eine Laterne.“
Myroslawa sah ihn verwundert an, und dann lachte sie. Zum ersten Mal in dieser Nacht war ihr ganz leicht ums Herz.
Zurück gingen sie langsam. Die Sterne leuchteten so hell, dass man jeden einzelnen Dachziegel sehen konnte. Rußi begleitete sie bis zur Bäckerei und rollte sich auf dem warmen Schornstein zusammen. Und das Brückchen unter ihren Füßen knarrte nicht mehr unheimlich, sondern summte beinahe ein Lied.
Am runden Fenster blieb Omelko stehen. Myroslawa kletterte auf ihr Fensterbrett.
„Ich danke dir, Fräulein Myroslawa“, sagte der Wächter und nahm den Hut ab. „Ohne dich wäre der Himmel heute Nacht leer geblieben.“
Sie nahm die Laterne vom Hals und hielt sie ihm hin. Doch Omelko verschränkte die Hände hinter dem Rücken.
„Behalte sie.“
„Wie bitte? Und Sie?“
„Ich bin heute auf einem Schornstein eingenickt“, sagte der Wächter leise. „Hundert Jahre lang bin ich nie eingenickt, und heute doch. Das heißt, es ist Zeit. Ich suche schon lange jemanden, dem ich meine Laterne geben kann. Jeden Abend gehe ich über die Dächer und schaue: Wer sitzt auf dem Fensterbrett, wer hält Ausschau nach den Sternen?“
„Aber ich habe doch Angst im Dunkeln!“
„Eben drum“, lächelte Omelko. „Wer keine Angst im Dunkeln hat, merkt nicht einmal, dass die Sterne erloschen sind. Aber du hast es gemerkt.“
Myroslawa sah auf die Laterne. Der blaue Funke darin flackerte, als hätte er sie erkannt.
„Und wohin gehen Sie?“
„Ich schaue mir endlich die Sterne von unten an, wie alle Leute“, sagte der Wächter. „Hundert Jahre habe ich sie von Nahem gesehen, aber von unten kein einziges Mal.“
Er setzte den Hut auf, verbeugte sich – und ging über die Dächer davon, nun ohne Laterne. Nach ein paar Schritten verschluckte die Dunkelheit seinen langen Mantel, und nur irgendwo in der Ferne knarrte noch einmal ein Dachziegel.
Nie wieder sah Myroslawa ihn auf den Dächern.
Lange saß sie mit der Laterne in den Händen auf dem Fensterbrett. Über dem Rathausturm leuchtete Funkelchen, und Myroslawas Herz pochte noch immer: bumm-bumm. Die Dunkelheit vor dem Fenster war nicht verschwunden. Und die Angst auch nicht.
Aber wenn die Sterne über der Stadt eines Tages wieder erlöschen, wird irgendein Kind auf irgendeinem Fensterbrett ein kleines blaues Licht über die Dächer wandern sehen. Und es wird nicht wissen, dass ein Mädchen es trägt, das auch Angst im Dunkeln hat.





