Warum Fichte und Kiefer immer grün sind
Ein Vögelchen mit verletztem Flügel sucht einen Platz für den Winter: Die stolzen Bäume jagen es fort, doch Fichte, Kiefer und Wacholder nehmen es auf.
- Ein bisschen traurig
- Ein bisschen gefährlich
Der Herbst kam. Ein kalter Wind wehte, und die Vögel machten sich bereit für die warmen Länder.
„Auf, auf nach Süden!“, riefen sie einander zu.
Aber ein kleines Vögelchen konnte nicht fliegen. Es hatte sich den Flügel verletzt, und der wollte einfach nicht schlagen. Die Vögel flogen davon, und es blieb ganz allein im Wald zurück.
„Bald ist Winter“, piepste das Vögelchen. „Ich frage die Bäume. Einer nimmt mich schon auf.“
Hopp-hopp hüpfte es zur Birke. Die Birke stand weiß da, in goldenem Laub.
„Liebe Birke, liebe Birke, lass mich überwintern! Mein Flügel tut weh, ich kann nicht fliegen.“
„Ach nein“, raschelte die Birke. „Ich habe meine eigenen Vögel. Denen helfe ich.“
Das Vögelchen seufzte und hüpfte weiter. Hopp-hopp, und da stand eine große Eiche.
„Liebe Eiche, liebe Eiche, lass mich überwintern! Mein Flügel tut weh, ich kann nicht fliegen.“
„Das fehlte noch!“, brummte die Eiche. „Du pickst mir alle Eicheln weg. Geh deiner Wege.“
Hopp-hopp, und da stand eine Weide am Fluss.
„Liebe Weide, liebe Weide, lass mich überwintern! Mein Flügel tut weh, ich kann nicht fliegen.“
„Mit Fremden reden wir nicht“, sagte die Weide und wandte ihre Zweige zum Wasser.
Da wurde das Vögelchen ganz traurig. Es setzte sich auf die kalte Erde und plusterte sein Gefieder auf. Ringsum wurde es dunkel, ringsum wurde es kälter.
Plötzlich rief jemand:
„Vögelchen! Komm mal her!“
Es war die Fichte, dunkelgrün und ganz voll weicher Nadeln.
„Wohne auf meinem Ast“, sagte die Fichte. „Er ist der wärmste, den ich habe.“
Das Vögelchen kletterte auf den Ast und versteckte sich zwischen den Nadeln. Ach, wie warm es dort war!
Knarr-knarr, die hohe Kiefer neigte sich zu ihnen.
„Die Fichte wärmt dich, und ich schütze euch beide vor dem Nordwind.“
Unten regte sich ein kleiner Wacholder.
„Die Fichte wärmt, die Kiefer schützt, und ich … ich füttere dich den ganzen Winter mit Beeren!“ Und er zeigte seine kleinen blauen Beeren.
„Danke! Danke! Danke!“, zwitscherte das Vögelchen allen dreien zu.
Noch in derselben Nacht kam der Nordwind in den Wald. Er war eiskalt und pfiff: „Uuuh!“ Hinter ihm schritt der Frostkönig, hoch gewachsen, im weißen Pelz, mit einem Bart aus Raureif und einer Krone aus Eiszapfen. Wo er hintrat, klang der Schnee leise.
„König“, rauschte der Wind, „darf ich jedes Blatt im Wald berühren?“
Der Frostkönig sah sich um. Er sah die Birke, die Eiche und die Weide. Dann sah er die Fichte, die Kiefer und den kleinen Wacholder, und zwischen den Zweigen ein Vögelchen, das friedlich in der Wärme döste.
„Berühre sie“, sagte der König. „Aber nicht alle. Die Bäume, die gut zu dem Vögelchen waren, sollen grün bleiben. Ihre Nadeln lass in Ruhe.“
Fuuuh!, blies der Wind. Gelbe Blätter regneten von der Birke, rote von der Eiche, silbrige von der Weide. Kahl standen sie bis zum Frühling.
Doch Fichte, Kiefer und Wacholder blieben grün, ganz grün, als wäre gar kein Winter.
Den ganzen Winter lebte das Vögelchen in der Wärme, pickte Beeren und lauschte, wie der Wind irgendwo weit weg hinter der Kiefer heulte.
Seitdem ist es so geblieben. Jeden Herbst werfen Birke, Eiche und Weide ihr Laub ab, aber Fichte, Kiefer und Wacholder stehen grün da, selbst im grimmigsten Frost. Denn wer im Frost ein Kleines gewärmt hat, den entkleidet der Frost nicht.





