Timko und der Brief an den Nikolaus
Vor dem Winterschlaf malt Igel Timko einen Brief an den Nikolaus und wünscht sich ein Geschenk nicht für sich, sondern für Schwester Lilli.
Reihe „Timko“ · Märchen 9 von 9
- Ein ruhiges Märchen
Der späte Herbst war gekommen. Im Eichenhain war das Laub abgefallen, und die Igelfamilie bereitete sich auf den Winterschlaf vor.
Timko ging zur alten Eiche, um sich von Oma Eule zu verabschieden. Und hinter ihm her – tapp, tapp, tapp – trippelte Lilli. Sie lief jetzt immer hinter ihrem Bruder her und plapperte alles nach.
„Oma Eule, was passiert im Winter, während wir schlafen?“
„Schuhu! Vieles“, antwortete die Eule aus ihrer Höhle. „Es wird schneien. Und am sechsten Dezember kommt der heilige Nikolaus. Er legt den Kindern heimlich Geschenke unter das Kopfkissen.“
„Teschenke!“, quiekte Lilli.
Timko sprang auf. Und dann wurde er ganz still.
„Aber wie soll er mich finden? Ich schlafe doch unter den Wurzeln und nicht in einem Bett!“
Die Eule sagte nichts. Sie schuhute nur, und hinter den Brillengläsern blitzten ihre bernsteinfarbenen Augen verschmitzt.
Zu Hause wurde Timko noch trauriger. Denn er erinnerte sich an den gestrigen Tag. Lilli hatte seine Buntstifte genommen und mitten auf sein Bild mit dem Eichhörnchen gekritzelt. Timko war da so wütend geworden, dass er mit dem Pfötchen aufgestampft und gerufen hatte: „Geh weg!“
„Mama“, fragte er leise, „kommt der Nikolaus nur zu braven Kindern? Ich war gestern wütend auf Lilli.“
Mama setzte sich neben ihn und nahm ihn in den Arm.
„Jeder wird mal wütend, mein Sonnenschein. Und ein Geschenk muss man sich nicht verdienen. Man bekommt es, weil man geliebt wird.“
„Genau“, nickte Papa. „Mal dem Nikolaus doch einen Brief. Wo ist denn mein Bleistift?“
Timko zeigte auf Papas Ohr. Papa lächelte und gab ihm den Bleistift.
Aber worum sollte er bitten? Timko sah Lilli an. Sie saß auf dem Boden und drehte seinen kürzesten Stift in den Pfötchen. Eigene Stifte hatte sie nicht.
Und Timko malte ein kleines Igelmädchen mit einer rosa Mütze und neben ihm einen Kasten Buntstifte. Große, bunte. Ihre eigenen.
„Und für dich?“, fragte Mama.
Timko zuckte mit den Schultern. Für sich selbst fiel ihm nichts ein.
Papa zog auf dem Messbrettchen einen neuen Strich und malte daneben einen winzigen Briefumschlag. Und Mama band sich die himmelblaue Schürze um.
„Ich backe mal einen Kuchen, nur für alle Fälle. Vielleicht friert der Nikolaus unterwegs.“
Gegen Abend stand Timko mit dem Brief in den Pfötchen unter der Eiche. Das Herz klopfte: poch, poch, poch. Er schnaubte durch das Näschen.
„Einatmen, ausatmen – und los!“
„Einamen, ausamen – und tos!“, wiederholte Lilli.
Timko reichte Oma Eule den Brief. Und Mama einen warmen Kuchen in einem Tuch.
„Im Winter schlafe ich nicht“, sagte die Eule und steckte den Brief unter den Flügel. „Ich gebe ihn weiter. Versprochen.“
Bald hatte sich die ganze Familie unter den Wurzeln der Eiche eingerichtet, in einem Nest aus Laub und Moos. Timko legte den Kopf auf ein Kissen aus trockenem Gras, rollte sich zusammen und schlief ein.
Erst im Frühling wachte er auf. Es tropfte und plätscherte, und es roch nach nasser Erde. Timko streckte sich, schob die Pfote unter das Kissen – und erstarrte. Dort raschelte etwas.
Zwei Päckchen! Auf dem einen war eine rosa Mütze aufgemalt, auf dem anderen ein roter Schal.
„Lilli! Wach auf! Der Nikolaus war da!“
Lilli wickelte ihr Päckchen aus, und darin waren Buntstifte. Große, bunte. Ihre eigenen.
„Meine!“, quietschte sie und drückte den Kasten an sich.
In Timkos Päckchen lag ein Zeichenblock. Und noch eine graue Feder und ein Zettelchen. Timko las es Silbe für Silbe:
„Schuhu! Hier ist ein Rätsel für dich … Wer schläft im Winter nicht, sieht im Dunkeln, schlägt ganz leise mit den Flügeln und zeigt dem Nikolaus den Weg zur Eiche?“
Timko schaute nach oben. Auf einem Ast saß Oma Eule. Ihre Brille glänzte, und sie sah ganz unschuldig aus.
„Schuhu“, sagte sie. „Wer das wohl sein könnte?“
Timko drückte die Feder an sein Näschen und lachte. Er hatte sich nichts für sich gewünscht. Und das Geschenk hatte ihn trotzdem gefunden, unter den Wurzeln der Eiche, weil jemand den ganzen Winter wach geblieben war und an ihn gedacht hatte.





